| Nr. 2/Februar 1989 |
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| Sprengt ein Rennrad den üblichen, für Spitzenmaschinen akzeptierten Preisrahmen, so wartet es selten mit besseren Fahrqualitäten auf. Draufgezahlt wird in der Regel für einen klangvollen Namen und für optische Extravaganzen, die dem Auge schmeicheln und das Image des stolzen Besitzers fördern. Anders beim Mountain Bike. Da erheben besonders einige amerikanische Schöpfungen den Anspruch, in Qualität und Fahreigenschaften ebenso überragend zu sein wie im Preis. Natürlich sind auch hier keine kleinlichen Kosten-Nutzen-Rechnungen anzustellen, denn im Spitzenbereich erfordern oft schon die kleinsten Verbesserungen einen großen Aufwand. Aber lassen wir einmal das Geld beiseite und begutachten das Top Gun von Gary Klein wie ein ganz normales MTB. Die großen Rohrdurchmesser und das abfallende Oberrohr kennt man mittlerweile auch von anderen Herstellern, eine Klein-Spezialität aber sind nach wie vor die Kettenstreben, die hinter dem Tretlagergehäuse als Vierkantprofil beginnen und erst zur Mitte hin eine runde Form annehmen. Diese Maßnahme vergrößert den Durchlauf für den Hinterreifen und soll überdies die Stabilität steigern. Klein-spezifisch auch das Tretlager: Die Welle dreht sich in gekapselten Rillenkugellagern, deren Außenringe mit strammer Passung im Tretlagergehäuse stecken. Ein Novum am Top Gun-Rahmen: Die Ausfallenden sind nach hinten offen. Welche Vorteile sich hieraus auch immer ergeben mögen - den Ein- und Ausbau des Hinterrades erschweren sie - zumindest in der Eingewöhnungsphase - auf jeden Fall. Die aufwendige Mehrfarblackierung ist makellos, eigentlich viel zu schön, als daß man sie rücksichtslosem Geländeeinsatz aussetzen möchte. Mag der aufgetragene Glanz auch schwinden, die Begeisterung über die Verarbeitung des Rahmens bleibt ungebrochen: Obwohl hier Rohre mit unterschiedlichem Durchmesser zusammengeschweißt wurden, wirkt - dank mühevoll von Hand geglätteter Nähte - alles wie aus einem Guß. |
| Kontroll- zentrum: griff- günstig geformter Salsa-Lenker mit Zweifinger- SLR-Brems- hebel | ![]() |
![]() | Leistungs- zentrum: Die Shimano-Kur- belgarnitur sitzt auf einer Tretlagerwelle, die sich in gedichteten Rillenkugel- lagern dreht |
| Unicrown- Gabeln aus CrMo-Stahl- rohr (rechts), nach hinten offene Aus- fallenden cha- rakterisieren den Top Gun- Rahmen (ganz rechts) | ![]() | ![]() |
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| Die Züge sind natürlich innen verlegt, besondere Aufmerksamkeit wurde dabei dem hinteren Bremszug geschenkt: Dieser tritt nach seinem Weg durchs Oberrohr kurz vor dem Sitzrohr ans Tageslicht, wird eng um dieses herumgeführt, und verschwindet für die wenigen Zentimeter bis zum Wiederlager in einem Metallröhrchen. der Zug betätigt - man glaubt es kaum - eine ganz normale Cantileverbremse. Damit folgt Gary Klein einem Trend weg von der U-Brake, die noch vor kurzem als Maß aller Dinge bei Hinterradbremsen galt. Pluspunkte verbucht die Cantilever in jedem Fall beim Gewicht und wenn es um die Unanfälligkeit gegen Verschmutzung geht. Und die realisierbaren Bremskräfte reichen allemal, das beim Verzögern entlastete Antriebsrad zu kontrollieren. In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, daß die Kombination Sun-Felgen/ Shimano Deore-Bremsklötze am Testrad auch bei Nässe überraschend gut harmonierte. Nicht unerwähnt bleiben soll der vergrößerte Abstand zwischen den hinteren Ausfallenden des Top Gun-Rahmens. Er mißt 135 Millimeter und faßt damit die verbreiterte 7fach-Kassettennabe, die Shimano parallel zur gewohnten 130er Nabe anbietet. Auch die übrigen Maße des Top Gun-Rahmens, die Hinweise auf das Fahrverhalten geben, lassen aufhorchen. Gegenüber dem preisgünstigeren Pinnacle-Modell (Test Ausgabe 8/88) sind Hinterbau (ermißt nurmehr 425 Millimeter) und Nachlauf der Gabel nochmals verkürzt worden. Das Gewicht des mit Shimano Deore XT II-Komponenten bestückten Testrades liegt mit 12 Kilogramm erwartet niedrig. Vor Fahrtantritt sorgt die Sattelstütze für einen unfreiwilligen Qualitätsbeweis der Rahmenverarbeitung: Nach Öffnen des Schnellspann-Klemmbolzens rutscht sie fast wie im freien Fall nach unten. Nicht, weil die Stütze zu dünn gewählt wäre, sondern weil das Sitzrohr innen makellos glatt ist. Schon während der ersten Kilometer wird klar, daß man auf einem "Rennpferd" sitzt. Das steil stehende Sitzrohr (73 Grad) fördert eine vorgerückte Sitzposition, das Fahrverhalten vermittelt auf Anhieb ein für ein Mountain Bike ungewohntes Maß an Präzision. Der extrem verwindungssteife Rahmen scheint jede Tretbewegung optimal in Vortrieb umzusetzen, auf Lenkimpulse reagiert er mit größter Exaktheit. Eine sehr gute Wahl ist der mit zehn Grad um drei bis vier Grad stärker als gewöhnlich angewinkelte Salsa-Lenker. Die spezielle Form dieses konisch gezogenen CrMo-Stahlrohrs bietet den Handgelenken an steilen Anstiegen eine entspanntere Griffposition. |
Muffenlos geschweißter Rahmen aus endverstärktem Leichtmetallrohr, Bremszugführung im Oberrohr, Schalt- zugführungen im Unterrohr, Cantilever- sockel an den Sattelstreben, Befesti- gungsaugen für zwei Flaschenhalter. CrMo-Stahlrohrgabel mit Cantileversok- keln. Rahmenhöhen 36,5, 41,5, 46,5 (ge- testet) cm (Mitte - Mitte). |
![]() | Die straffe Rahmengeo- metrie macht den Top Gun- Rahmen zu einem agilen Gelände- gänger |
| Felgen Sun, 2-mm-Edelstahlspeichen. Reifen Specialized Ground Control/S, 26 x 1.95.
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Überhaupt spielt das Top Gun seine Vorzüge besonders während schwieriger Kletterpartien aus. Dabei lassen sich Passagen, die eigentlich zum Absteigen animieren, immer wieder mit verbüffender Leichtigkeit meistern. Bei solchen Trial-Einlagen besticht die Wendigkeit des Top Gun und seine Fähigkeit, das Vorderrad spielend über Hindernisse zu heben. Doch gerade letztere Eigenschaft zeigt an extremen Anstiegen ihre Schattenseiten: Bevor das Hinterrad die Traktion verliert und den Fahrer Kraft und Steuerkunst verlassen, verabschiedet sich das Vorderrad vom Boden, das Top Gun setzt zur Rolle rückwärts an. So verweigerte es an zwei Teststeigungen - eine über zum Teil rutschige Naturwege, eine über Asphalt mit Steigungsspitzen und Schikanen - die der Autor bislang noch mit jedem MTB einigermaßen geschafft hat, durch ständiges Aufbäumen die Weiterfahrt. Wohlgemerkt, auch noch im zweiten Gang und mit korrigierender Gewichtsverlagerung. Eine tief vornübergebeugte Haltung des Oberkörpers ist ein Muß beim Top Gun, hilfreich ist dabei ein langer und so tief wie möglich montierter Vorbau. Daraus resultiert eine nicht eben bequeme, konzentrierte Sitzposition, die aber recht gut zum sportlich-agilen Charakter des Klein paßt. |
![]() | Kurz, gedrun- gen, angriffs- lustig: das Top Gun scheint ständig auf dem Sprung zu stehen |
Das Top Gun ist kein Ackergaul, der seinen "Besitzer" mit stoischem Gleichmut durchs Gelände trägt, es will mit Fingerspitzengefühl dirigiert werden. Wo andere Mountain Bikes mit energischem Zugriff zu Richtungsänderungen animiert werden wollen, reagiert das Klein auf dezente Lenkimpulse, um wie von selbst in Schräglage zu fallen. Das Fahrverhalten bleibt jedoch bis an die Grenzen der griffigen Specialized Ground Control-Reifen neutral. Dabei könnte die Rückmeldung über das, was zwischen den grobstolligen Pneus und dem befahrenen Untergrund vorgeht - man könnte es Fahrbahnkontakt nennen - nicht besser sein. Daß das Top Gun bei rasanten Abfahrten mehr Aufmerksamkeit, Mut und Geschick erfordert als auf sturen Geradeauslauf getrimmte Mountain Bikes, versteht sich dadurch von selbst. Für erste Gehversuche im Gelände ist das Klein sicher nicht der richtige Untersatz, wohl aber für Könner, die seine Agilität zu nutzen wissen. Die Kleinigkeit von rund 5000 Mark kostet das Klein Top Gun in der von Sportrad gefahrenen "Standard"-Ausführung mit Shimano Deore XT II-Komponenten. Allein der Rahmen, der übrigens in jeder Höhe mit einer speziellen Geometrie geliefert wird, schlägt mit 2900 Mark zu Buche (inklusive Tretlager und Umwerfer). Das ist ein dicker Brocken, doch Verarbeitung Finish und Fahreigenschaften helfen, ihn zu schlucken. |
| Dirk Sommer |
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